Geschichtlich

Geschichte kennen und verstehen

Das Interesse an der Geschichte früherer Generationen und am Schicksal von Familien im Strudel der Zeitereignisse nach 1989, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung, ist unverkennbar, und zwar nicht nur am Beispiel von unserer Familie. Familiengeschichte hat etwas Packendes, und trockene historische Fakten werden eingängiger und begreifbarer, wenn sie anhand konkreter Lebensläufe nachvollzogen werden können.

Überhaupt scheint alles Alte heute einen Boom zu erleben, den ich an mir selbst erlebt habe, und vieles, was mich in den zurückliegenden Jahren nicht interessiert hat, wird heute mit großem Interesse verfolgt. Alte Unterlagen, Ansichtskarten, Geschäftsunterlagen wären fast verlo-rengegangen, gegen andere Dinge eingetauscht worden, heute wird es sorgsam restauriert, gepflegt und für die Nachfahren bewahrt. Die historische Dimension des menschlichen Daseins hat wieder an Beachtung und Bedeutung gewonnen. Nicht nur Bäume haben Wurzeln, auch der Mensch hat ein Woher, und die Frage danach kann ihm auch viel über sein Werden und das Entstehen der im umgebenden engeren Umwelt verraten. So wird das Interesse an der Geschichte, die Hinwendung zum Alten, verständlich: die Frage nach dem Wohin des einzelnen Menschen läßt sich letztlich nur im Zusammenhang mit der Frage nach dem Woher beantworten. Die Beschäftigung mit der eigenen Fami-liengeschichte kann Aufschlüsse geben über Entwicklungslinien, die noch längst nicht abgeschlossen sind. In seiner Geschichte entdeckt der Mensch sich selbst.

Wer freut sich nicht, bzw. ist darauf erpicht, bei seinen Arbeiten auf adelige Ahnen oder berühmte Männer zu stoßen? Vielmehr stehen das Leben und der Alltag der früheren Generationen im Zentrum des Interesses und auch der Nachforschungen – Bereiche, die bei genauer Betrachtung sehr spannend auf jeden Leser wirken. Während ich diese allgemeine Einführung schreibe, sind die Nachforschungen in einigen Teilbereichen schon weit fortgeschritten und Leben, Alltag und Berufsstand von Vorfah-ren der Familien Creutzberg und Reubig zeigen bereits jetzt schon einen Einblick in ihr früheres Leben.

Familienforschung ist also keinesfalls eine Freizeitbeschäftigung, sie bringt vielmehr einen gehörigen Schuß Spannung und Abwechslung ins Leben. Zumindest sind dies meine eigenen Erfahrungen. Es werden eben keine Briefmarken oder Ansichtskarten gesammelt, sondern Vorfahren. Die Bestrebungen gehen dahin, so viele Vorfahren wie möglich namentlich ausfindig zu machen. Und je weiter damit in die vergangenen Jahrhunderte zurückgegangen werden kann, desto größer ist der Erfolg. Aber auch da sind Grenzen gesetzt, über die man nicht hinweg kommen kann. Gäbe es den lückenlosen Nachweis über alle Vorfahren – würden wir alle an einem Punkt angelangen und feststellen, daß wir alle ein und die selben Vorfahren haben – nämlich Adam und Eva.

Doch die bloße Auflistung von Namen ist auf die Dauer nicht sehr interessant, denn der Name eines Vorfahren sagt nicht allzuviel über seine Lebensgeschichte und die Umstände aus. So gehört außer den Namen noch etwas anders zum sammeln dazu: nämlich alle Daten die zu jedem einzelnen in Erfahrung gebracht werden können. Dies beginnt mit dem Geburts-, dem Heirats- und dem Sterbedatum und dem Orten, an denen der Vorfahre sein Leben ver-brachte, und geht über die Zahl der Kinder und den beruflichen Werdegang bis zu innegehabten Ämtern und ähnlichen mehr. Stück für Stück, wie bei einem Mosaik, fügt sich so durch beharrliches Sammeln eine Geschichte zusammen, nach und nach enthüllen sich Lebens-schicksale, die in nachfolgenden Beiträgen offenbar werden. Zugleich offenbart die Sammeltätigkeit auch viel über die allgemeinen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse der Zeit in der meine Vorfahren lebten.

Erscheint die Aneinanderreihung trockener, lebloser Fakten des Geschichtsunterrichtsbuches vielleicht als langweilig, so beginnt die familiengeschichtliche Forschung, die früheren Zeiten mit Leben zu erfüllen. Historie wird auf diese Weise konkret und greifbar, und das Leben früherer Generationen eröffnet sich plastisch wie in einem Bilderbuch. Im Falle der Familienforschung kann von einem sehr vielseitigen und abwechslungsreichen Hobby gesprochen werden, so daß der eigentliche Vorgang des Suchens, Stöberns und Sammelns voller Reiz und Spannung ist, und ständig Überraschungen mit sich bringt.

Im Gegensatz zu Münzen- und Briefmarkensammlern, die sich auf ein bestimmtes, klar abgegrenztes Teilgebiet spezialisieren und somit gute Chancen haben, seine Sammlung einmal komplett zu haben, kann das in diesem Fall nicht zutreffen, denn selbst der älteste aller einmal erfaßten Vorfahren hat wiederum Eltern, Großeltern, Urgroßerltern usw. Ich kann noch so weit in die Vergangenheit zurückgehen – immer wieder stellt sich mir die Frage: Und wer war davor? Geht man bis in die X. Ahnenreihe zurück, so sind das insgesamt 1.024 Personen. In der XX. Ahnenreihe sind es bereits 1.048.576 Vorfahren. An diesem Beispiel sieht man, daß niemals alle erfaßt werden können, und das es ein „Fertigwerden“ eigentlich nicht gibt.

Nicht nur die namentliche Erfassung nimmt praktisch nie ein Ende, sondern auch der Lebenslauf jeder einzelnen Person ist voller Fakten und Details, so daß die annähernd genaue Rekonstruk-tion auch nur eines einzigen dieser Lebensläufe viel Zeit und Arbeit erfordert. So kann Familienforschung immer weiter betrieben werden, ohne jemals Langeweile zu empfinden. Es gibt stets noch Unbekanntes, vielleicht sogar Geheimnisvolles, das nach Entdeckung ruft und näher erforscht werden will.